Sommereuphorie mit Beigeschmack

Der Sommer 2019 ist ein Beleg dafür, wie schnell sich die Dinge im Fußball verändern. Es ist nicht lange her, da ging man als Herthafan davon aus, dass Marko Grujic sich Werder Bremen anschließt. Dass die chronisch klammen Berliner die gut 20 Mio. €, die sie an Valentino Lazaros Transfer verdienen werden, nicht wieder in den Kader reinvestieren können. Und dass diese Abgänge eine Kettenreaktion hervorrufen würden, in denen auch andere Leistungsträger, wie etwa Niklas Stark oder Ondrej Duda, den Verein verlassen könnten.

Doch es kam anders und hinter Hertha BSC liegen turbulente Tage. Am Donnerstag Nachmittag berichtete Spiegel Online, dass der Investor Lars Windhorst bei Hertha BSC einsteigt. 125 Mio. € fließen für 37,5 % der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA. Darüber hinaus hat Windhorst die Option, die Anteile um 12,4 % auf insgesamt 49,9 % aufzustocken – zu einem dann deutlich höheren Preis. Eine Finanzspritze, die angesichts von ca. 110 Mio. € Verbindlichkeiten sehr gelegen kommt.

Nun mag man dem Autor dieser Zeilen eine besondere Skepsis unterstellen, wenn es um Investoren im Fußball geht. Man könnte ihm auch etwas drastischer das Äußern von „Schwachsinn“ oder eine Rechenschwäche attestieren, wie es Klaus Teichert, Geschäftsführer bei der Hertha BSC Stadion GmbH tat. Es muss aber schon die Frage erlaubt sein, ob sich Hertha BSC an Lars Windhorst auch deswegen gebunden hat, weil bei der aktuellen finanziellen Lage selbst das Erhalten des Status Quo, also ein Team im Mittelfeld der Bundesliga zu sein, schwierig erscheint. Ob man es bei Hertha gerne gesehen hat, dass die ersten Kommentare des neuen Investors Hertha BSC als zukünftigen „Big City Club“ anpriesen, der in die Regionen der großen Clubs aus London oder Madrid vorstoßen kann, ist zumindest mal fraglich. Michael Preetz prangert – berechtigterweise – seit Jahren und auch auf der Pressekonferenz vom 01.07. Realismus an. Es bleibt zu hoffen, dass Lars Windhorst die Sache in Zukunft etwas realistischer sieht, als seine Äußerungen vermuten lassen. Es hat wohl niemand Lust auf Possen, wie sie der HSV (selbstverschuldet) seit Jahren mit Michael Kühne erlebt.

Ungeachtet dieser Befürchtungen und völlig abgesehen von dem fragwürdigen Ruf, den Lars Windhorst umgibt, bedeutet dieser Deal für Hertha BSC neue Möglichkeiten. Michael Preetz hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er aus verhältnismäßig wenig Geld einen erstaunlich talentierten Kader zusammenstellen kann. Das macht Mut, dass er mit etwas mehr finanziellen Möglichkeiten einen noch besseren Kader zusammenstellen kann. Und da bei Hertha BSC momentan so etwas wie Aufbruchsstimmung herrscht, gehe ich nicht weiter auf den Vergleich Christian Heidel ein, der in Mainz erstaunliches geleistet hat und in Gelsenkirchen trotz (oder wegen?) deutlich größerer finanzieller Möglichkeiten gescheitert ist.

Apropos Aufbruchsstimmung: Ante Covic gab seine erste PK. Leicht nervös, aber dennoch authentisch und sympathisch arbeitete er sämtliche Fragen ab, auch wenn die ein oder andere merkwürdige Fragestellung dabei war. Durchaus gekonnt stellte er eine Verknüpfung zwischen seiner Überzeugungsarbeit und dem umjubelten Verbleib von Marko Grujic her. Etwas unter ging hierbei die Vertragsverlängerung von Ondrej Duda, der laut kicker sogar als Verkaufskandidat galt, jetzt aber seinen Vertrag um zwei Jahre bis 2023 verlängerte.

Die Tatsache, dass die Investitionen eines windigen Investors nun dafür sorgen, dass Hertha BSC sein Mittelfeld mit Löwen, Maier, Grujic und Duda besetzen kann, ist etwas, was einen Fußballromantiker mit gleichzeitig großer Liebe für schönen Fußball in eine emotionale Zwickmühle treibt. Wo wir gerade bei emotionaler Zwickmühle sind: Hertha hat gerade die wohl schönsten Trikots der letzten Jahre vorgestellt, im dazugehörigen Video mit emotionalen Bildern die Verbindung zu den 20 Jahre alten Trikots der Champions League Saison geknüpft. Doch leider prangt auf der Brust das – nicht nur ästhetisch – grauenvolle Logo von TEDi und die Verbindung zu den Trikots von vor 20 Jahren besteht eben auch deswegen, weil Nike seit 20 Jahren Ausrüster der Hertha ist. Doch vielleicht ist es so, wie Lars Windhorst es im Spiegel sagt: „Wir wollen Geld verdienen. Das muss bei all unseren Investitionsentscheidungen der Hauptgrund sein“. Ich bin Realist genug, das zu verstehen, aber eben doch zu sehr Romantiker, um einzusehen, dass es nur darum geht.

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