Ante Čović und die Hertha-DNA

Am Ende war es keine große Überraschung mehr. Dieselbe Zeitung, die auch Dárdais Demission vorzeitig bekannt gab, vermeldete bereits mehrere Tage vor der offiziellen Verkündung, dass Ante Čović der neue Hertha Trainer werden würde. Die Reaktionen sind, wie so oft in den letzten Wochen, gespalten.

Klar ist, dass Ante Čović Berliner und Herthaner durch und durch ist, wie auch Pál Dárdai eine Menge Identifikationspotential bietet und nicht nur eine Chance, sondern alle Unterstützung verdient hat. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass er die auch brauchen wird.

Fan-Liebling Pál Dárdai hinterlässt, bei aller berechtigten Kritik, das Erbe von vier sorgenfreien Saisons. Eine bemerkenswert lange Zeit, nicht nur in der jüngeren Hertha Historie, sondern auch gemessen an anderen Traditionsvereinen, wie dem Hamburger SV, VfB Stuttgart oder dem 1. FC Köln. Zusätzlich, dass muss allen klar sein, muss Ante Čović den Rucksack schultern, dass er nicht die A-Lösung darstellte.

Als Michael Preetz am Dienstag nach der 0:2 Niederlage in Hoffenheim verkündete, dass Pál Dárdai in der neuen Saison nicht mehr Cheftrainer sein würde, war dies verbunden mit seiner Unzufriedenheit über die erneut enttäuschende Rückrunde, die ungenügende Weiterentwicklung der Mannschaft und der teilweise auftretenden Ambitionslosigkeit. Nicht wenige glaubten, dass Michael Preetz ein Ass im Ärmel haben würde, sonst würde er sich nicht dem Risiko aussetzen, Pál Dárdai vor die Tür zu setzen und sein Schicksal, zumindest teilweise, an das des neuen Trainers zu binden – dazu in einem Sommer, in dem gefühlt die halbe Liga denselben Trainer-Typus sucht.

Die Gerüchte um interessante Namen wie David Wagner oder Gerardo Seoane machten schnell die Runde, doch ersterer entschied sich für den (sicher lukrativeren) Schleudersitz in Gelsenkirchen, letzterer für den Verbleib bei den Young Boys aus Bern, wo er erst ein Jahr zuvor als Nachfolger von Adi Hütter installiert wurde. Der kicker berichtete außerdem, dass sich Hertha eine (erwartbare) Abfuhr bei Ajax Trainer ten Hag abholte und man sich auch mit dem Namen Jürgen Klinsmann beschäftigte. Namen die durchaus Sinn ergeben, wenn man bedenkt, dass Preetz‘ ursprüngliche Intention auch darin lag, mit frischem Wind und neuen Ideen für eine Art Aufbruchsstimmung zu sorgen.

Auch deswegen präferierte er, als man noch plante mit Dárdai in die neue Saison zu gehen, für einen externen Co-Trainer. Den hat man jetzt zwar in Mirko Dickhaut gefunden, zumindest vom Namen und der Vita her (zuletzt bis Sommer 2018 Co-Trainer bei Greuther Fürth, vorher für eine Saison Cheftrainer bei Paderborn II) ist das aber, bei aller gebotenen Fairness, sicher nicht Euphorieverdächtig.

Inwiefern der finanzielle Faktor bei der Suche eine Rolle gespielt hat, lässt sich von außen natürlich kaum beurteilen. Klar ist aber, dass man mit Ante Čović, der ein ausgezeichnetes Händchen mit Talenten hat, auf dem Transfermarkt weiterhin defensiv auftreten wird. Eine Taktik, an der sich vermutlich externe Kandidaten eher gestört hätten, als der Ur-Herthaner Čović. Auch wenn wir uns hier im Raum der Spekulation bewegen: nicht nur für Herthas finanzielle Situation, sondern auch für die Frage der Prioritätensetzung, wäre es nicht das beste Zeichen, wenn auf der essentiellen Position des Cheftrainers das Geld eine derart übergeordnete Rolle spielen würde. Und natürlich liegt die Frage nahe, ob Ante Čović verglichen mit Pál Dárdai nun eine derartige Verbesserung darstellt, dass die Trennung notwendig war.

Klar, man darf nun auch nicht vergessen, dass sich Pál Dárdai in dieser Rückrunde kräftig verrannt hat. Ob es nun arg tiefstapelnde Ziele, sehr exklusive Sichten auf manche Spiele, oder arg übertriebene Medienschelten waren; die Souveränität ist Pál Dárdai zwischen den Niederlagen abhanden gekommen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er offensichtlich wenig Hilfestellung bekam. Die Tatsache, dass sich Michael Preetz nicht sonderlich bemühte, die unterschiedlichen Sichtweisen intern zu halten ist ebenso bemerkenswert, wie die unschönen medialen Begleitumstände, mit welchen die Trennung vorbereitet wurde. Ob Orban-Nähe, Journalisten-Schelte oder heimliche Treffen mit den Ultras – ziemlich viel Dreck, für eine angeblich einvernehmliche Trennung aufgrund von Amtsmüdigkeit.

Kontinuität ohne Weiterentwicklung bringt nichts

Statt der großen Lösung wird es nun also die von Preetz in den vergangenen Wochen mehrfach erwähnte Hertha-DNA. Das ist sicher nicht verkehrt, auch wenn fraglich ist, woraus die Hertha-DNA letztlich besteht.

Bezogen auf die letzten Jahre wird oft vom Ausbildungsverein gesprochen. Hertha wollte endlich deutlicher von der mehrfach ausgezeichneten Jugendarbeit profitieren und die Durchlässigkeit zum Profikader merklich erhöhen. Dies gelang unter Pál Dárdai ebenso, wie die gewünsche Etablierung in der Bundesliga. Den nächsten Schritt traute man ihm nun nicht zu. Hierfür gibt es in meinen Augen nachvollziehbare Argumente, welche ich hier schon einmal beschrieben habe.

Ob Čović diesen Schritt nun bewerkstelligen kann, ist von außen schwierig zu beurteilen und wird letztlich abzuwarten sein. Berechtigter ist die Frage, ob die Kriterien der Hertha-DNA alleine mit „Stallgeruch“ und einer Affinität für Jugendspieler hinreichend erfüllt sind.

Herthas Ansatz, aus der (finanziellen) Not eine Tugend zu machen, ist so naheliegend wie logisch. Doch geht er nicht weit genug. Ziel sollte es sein, in allen Bereichen, in denen Geld nicht der alles bestimmende Faktor ist, eine Spitzenposition einzunehmen. Das kann Bereiche wie die Ernährung betreffen, die Trainings- und Belastungssteuerung, die taktischen Komponenten, die Video- und Gegner-Analyse (RB Salzburg ist hier mit Rene Maric einen innovativen Weg gegangen, von dem ab nächster Saison Gladbach profitieren wird), aber auch Bereiche wie das Teambuilding oder das stetige Streben nach Verbesserung, Weiterentwicklung und eine funktionierende Fehlerkultur.

Hier ist auch und insbesondere Michael Preetz gefragt. Kontinuität ist wichtig, sie darf aber nicht dazu führen, dass die eigene Komfort-Zone so komfortabel wird, dass man aufhört, sich zu hinterfragen. Michael Preetz hat auf sportlicher Ebene keinerlei Korrektiv. Er ist Geschäftsführer, Manager, Sportdirektor, Kaderplaner in Personalunion und trägt dazu gemeinsam mit Paul Keuter die Verantwortung für die Kommunikation des Vereins.

Viele andere Clubs haben erkannt, dass die Anforderungen an einen modernen Bundesligisten zu vielfältig sind, als dass sie von einer Person alleine zu schultern sind. Bei Hertha ist diese Ansicht, so macht es zumindest den Anschein, nicht sehr populär. Dabei gäbe es durchaus Gründe. Vom Nur nach Hause Desaster zum Saisonbeginn, über die Stadiondebatte, bis hin zur kommunikativ mindestens mal unglücklichen Trainerentlassung – bei Hertha hat man mitunter das Gefühl, dass man denselben Fehler immer und immer wieder macht und sich nur schwer eingestehen kann, wenn man mal falsch lag. Im Zweifel baut man lieber temporäre Luftschlösser und sieht sich selbst im Recht, während die anderen „den Schuss nicht gehört“ haben.

Entscheidend für Herthas langfristige Zukunft wird nicht in erster Linie die Frage sein, ob Ante Čović offensiveren Fußball und bessere Rückrunden als Pál Dárdai spielen lassen kann. Viel wichtiger ist es, sich auf allen Ebenen zu hinterfragen und den Fortschritt nicht nur in leeren Buzz-Words und ebenso aufgedrückten wie inkonsequenten Haltungen zu verorten, sondern ihn wirklich zu leben. Ob das in der aktuellen Personalkonstellation geschehen kann, ist fraglich. Der Mangel an frischem Wind und externen Ideen ist eklatant. Nun ist auch klar, dass dieser nicht auf der Trainerposition Einzug halten wird.

zu gast beim exilherthaner podcast

Noch ein kleiner Hinweis: Letzte Woche war ich zu Gast bein Exilherthaner Podcast. In zwei Teilen und insgesamt über 2 1/2 Stunden reden wir über die sportlichen Aspekte, den Stadionbau, das Thema Digitalisierung und die Frage, ob Hertha einen Außenminister benötigt: Saison ohne Fingerspitzengefühl

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