Der Kreis der Geschlossenheit

Dass Hertha BSC die „PreZero-Arena“ in Sinsheim, die ähnlich viel Ausstrahlung hat, wie ihr Name vermuten lässt, nicht als Sieger verlassen würde, war nicht überraschend. Angesichts der Verletzungssorgen sowie der Sperren von Duda und Ibisevic, konnte man dem Auftritt der Berliner, zumindest in der zweiten Hälfte, sogar noch etwas positives abgewinnen, auch wenn das Spiel nach 30 Minuten und zahlreichen Hoffenheimer Großchancen schon längst hätte entschieden sein können.

Dárdai steht vor dem Aus

Überraschender kam für viele, dass diverse Medien berichteten, dass Pál Dárdai bei Hertha BSC vor dem Aus stünde. Die Morgenpost sowie der Kicker, beide für gewöhnlich gut informiert, berichteten, dass man sich intern bereits mit der Suche nach einem neuen Trainer befasst. Dass sowohl die Leistungen der Mannschaft, nicht erst seit der Rückrunde sondern schon seit dem vergangenen Herbst, als auch die jüngsten Äußerungen Dárdais rund um einen „geplanten Mord“, inklusive einer sehr exklusiven Sicht auf das Düsseldorf-Spiel, einigen Anlass zur Kritik geben, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass man sich bei Hertha schon länger Gedanken darüber macht, ob Pál Dárdai der richtige Mann ist, um Hertha BSC weiterzuentwickeln, ist ein offenes Geheimnis und eine nachvollziehbare Überlegung. Etwas erstaunlicher ist es, dass man sich augenscheinlich wenig Mühe gibt, diese Gedankenspiele intern zu halten und den entstandenen Dissens zwischen Trainer und Manager entweder zu kitten oder zumindest nicht nach außen dringen zu lassen. Wie ist es dazu gekommen?

Dortmund und das Aftermath

Hertha BSC steht im Oktober 2018 auf Platz 6 der Tabelle. Man hat nach 9 Spielen erst eine Niederlage auf dem Konto und sich jüngst ein 2:2 in Dortmund erkämpft. Doch in den Wochen nach dem Dortmund Spiel wird weniger über die beachtlichen Leistungen der Mannschaft gesprochen, als viel mehr über einen schwelenden Konflikt zwischen Fanszene und Vereinsführung, in den auch Mannschaft und Trainer geraten. Im Zuge des umstrittenen Polizei-Einsatzes im Dortmunder Auswärtsblock positionierte sich Hertha umgehend und kritisierte die eigenen Fans in einer Härte, als hätte man nur auf einen Fehltritt gewartet, um die Fans in die Ecke stellen und sanktionieren zu können. Hertha hoffte, mit den Verboten diverser Fanutensilien für eine Solidarisierung der Mehrheit der Fans gegen die ungeliebten Ultras zu sorgen. Dass das nicht funktionieren würde, war jedem klar, der sich mit der Materie ein bisschen auskennt. Die Ostkurve blieb komplett still und unbeflaggt, Hertha und Ultras lenkten ein und man setzte sich zum ersten mal seit langer Zeit an einen Tisch, die Verbote wurden aufgehoben.

Wenig später berichtete der Kicker, dass Michael Preetz mehrmals versuchte, Mannschaft und Trainerteam zu einer gemeinsamen Aktion am Mittelkreis des Olympiastadions zu überreden. Ein Kreis aus Trainer, Mannschaft und Geschäftsführung sollte Geschlossenheit demonstrieren und besonders Paul Keuter gegen Kritik und Anfeindungen in Schutz nehmen. Preetz blitzte mehrmals bei der Mannschaft ab, beim letzten Versuch vor dem Leipzig Spiel soll es lauter geworden sein. Die Mannschaft fühlte sich in der Vorbereitung aufs Leipzig Spiel massiv gestört und empfand die Geste, speziell in der brenzligen Situation nach dem Dortmund Spiel und dem angekündigten Stimmungsboykott, als Zeichen gegen die Fans. Auch Preetz‘ Argument, dass die Idee von Mitarbeitern der Geschäftsstelle kam und man somit Paul Keuter in Schutz nehmen würde, stimmte die Spieler nicht um. Wenn der Trainer in der Kritik stehe, komme ja auch niemand auf die Idee mit solchen Aktionen für den Trainer zu demonstrieren. Eine Aussage, die sich aktuell bewahrheitet.

Preetz und Kommunikation, Hertha und die Nestwärme

Man könnte sicherlich ein Muster darin erkennen, dass Hertha seit Jahren große Probleme damit hat, Fans für ihre Ideen zu begeistern (und Politker, Anwohner, Öffentlichkeit usw.) und man es nun auch nicht schafft, Mannschaft und Trainerteam für solch eine Aktion zu gewinnen. Preetz, der seit Jahren mit begrenzten Mitteln exzellente Transfers schafft und sich so einen Ruf als Top-Kaderplaner erarbeitet hat, gilt sicher nicht als Menschenfänger. Es ist kein Zufall, dass sich Vereine wie Dortmund mit Sebastian Kehl oder auch zukünftig Mönchengladbach unter Max Eberl breiter aufstellen und eine weitere Instanz mit sportlicher Kompetenz zwischen Mannschaft und Geschäftsführung installieren. Nicht nur angesichts des wiederholt mangelnden Fingerspitzengefühls inklusive schlechtem Timing bei der „Kreis-Diskussion“ ist dieses Modell sicher auch für Hertha eine Überlegung wert.

Und auch wenn man Michael Preetz sicher nicht zur Last legen kann, dass die Mannschaft seither nie wieder richtig in die Spur fand und einige desaströse Auftritte hinlegte, so ist dennoch interessant, dass sich Preetz in dieser Saison und genauer seit dem Herbst 2018, deutlich offensiver und kritischer äußert, als er das in der Vergangenheit getan hat. So äußerte er unmissverständlich, dass er mit den Auftritten in Düsseldorf, Stuttgart und Leverkusen nicht viel anfangen konnte, sprach sogar in Bezug auf die Einstellung der Mannschaft von einer „Katastrophe“. In der Bewertung der Hinrunde, die von vielen aufgrund der schwachen letzten Spiele als enttäuschend wahrgenommen wurde, sprach Dárdai davon, dass 24 Hinrunden-Punkte bei den Verletzungssorgen „eine Riesensache“ seien, Preetz hingegen kritisierte Einstellung sowie Bereitschaft und forderte, dass man doch endlich mal den Beweis antreten soll, dass man eine bessere Rück- als Hinrunde spielen kann. Es gab und gibt offensichtlich unterschiedliche Auffassungen darüber, was diese Mannschaft erreichen kann. Dárdais Realismus und Pragmatismus, der gerade in negativen Situationen sehr ausgeprägt ist, kann bei kritischer Auslegung auch als Ambitionslosigkeit ausgelegt werden. Das ist allerdings kein neues Phänomen, sondern war auch schon in den enttäuschenden Rückrunden der vergangenen Jahre zu beobachten. Neu hingegen sind die deutlichen Äußerungen des Managers. Dass Preetz einen kritischen Gegenpol setzen will, dass er ein Gefühl der Zufriedenheit der Mannschaft nach zwei guten Spielen verhindern will, das ist nachvollziehbar und grundsätzlich lobenswert. Dass man dabei allerdings nach und nach das Gefühl vermittelt bekam, dass Manager und Trainer in grundlegenden Fragen, wie der Leistungsfähigkeit der Mannschaft, weit auseinander liegen, ist sicher alles andere als optimal. Hinzu kommt die Tatsache, dass diese Meinungsverschiedenheiten erst seit dem „Keuter-Kreis“ und der Abfuhr von Mannschaft und Trainerteam an den Manager so offen zum Vorschein kommen. Das hat zumindest mal ein Geschmäckle.

Neuanfang mit Hindernissen

Was Preetz bei alldem nicht vergessen sollte: Pál Dárdai genießt beim Großteil der Fans nach wie vor ein hohes Ansehen. Seine sich anbahnende Entlassung, verbunden mit den genannten unschönen Nebenereignissen, wird auch Kritik am Manager auslösen, der bisher eh nicht durch schlaue Trainerentscheidungen (Dárdais Berufung war aus der Not heraus geboren) auffällig geworden ist. Umso entscheidender wäre, wie man einen etwaigen Neuanfang verkauft und kommuniziert. Nun ist Kommunikation und Hertha ein leidiges Dauerthema und wenn man nun in der Presse lesen darf, dass Dárdai Trainer auf Abruf sei und es in der Branche klar sei, dass Hertha einen neuen Trainer suche, dann ist das unwürdig für Pál Dárdai, der bei aller berechtigten Kritik dafür gesorgt hat, dass Hertha heute deutlich besser dasteht, als zu seinem Amtsbeginn vor gut vier Jahren. Im Verein scheint man zum wiederholten Male innerhalb kurzer Zeit den Fehler zu machen, die Folgen seines Handelns völlig falsch einzuschätzen. Sicher, Hertha kann solche Entscheidungen nicht von den Fans und deren Gefühlslage abhängig machen. Ein schlauer Verein hat jedoch ein Gefühl für Fans und Öffentlichkeit, stellt sich bei solchen Fragen schlauer an und verhindert es, dass der Trainer nach einer Niederlage in Hoffenheim öffentlich abgeschossen wird. Unter diesen Umständen kann man sich die Schwere des Rucksacks ungefähr vorstellen, mit dem Michael Preetz sowie ein etwaiger neuer Cheftrainer in die neue Saison starten müssen. Es würde das ungute Gefühl bleiben, dass man sich mal wieder selber das Leben schwer gemacht hat und die Ära von Pál Dárdai nicht das Ende findet, dass sie verdient gehabt hätte.

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