Die Lage der Hertha-Nation

Über vier Jahre ist Pál Dárdai mittlerweile Trainer der Profis von Hertha BSC. Das 0:5 gegen Leipzig, da war er sich mit seinem Co-Trainer Rainer Widmayer einig, sei das schlechteste Spiel in dieser Zeit gewesen. Den Anschluss an die Europa League Plätze hat man endgültig verloren. Sieben Punkte in sieben Spielen auf Wolfsburg, Leverkusen und Co. einzuholen ist schwierig genug – für Hertha in der aktuellen Verfassung ist es schlicht unmöglich. Welche Gründe hat das?

Es ist nicht nur ein Rückrundenproblem

Die Erklärung der chronischen Hertha-Rückrundenschwäche greift zu kurz. Hertha kam nach einem grandiosen Saisonstart nie wieder wirklich in die Spur. In den ersten 6 Spielen holte man 13 Punkte, besiegte zu Hause eindrucksvoll Gladbach und den FC Bayern, stand auf Platz 3. Betrachtet man die Tabelle nach dem 6. Spieltag, holte Hertha in 21 Spielen nur noch 22 Punkte. 5 Siege, 7 Remis, 9 Niederlagen. Torverhältnis: Minus 9. Schalke, Freiburg, Düsseldorf holten im selben Zeitraum mehr Punkte, ganz zu schweigen von den Frankfurtern, die im selben Zeitraum 20 Punkte mehr holten. Woran liegt das?

Die defensive Stabilität fehlt

Die meisten sind sich einig, dass Hertha in dieser Saison die defensive Stabilität verloren gegangen ist. Die Erklärung allerdings, dass damit ein stärkerer Fokus auf das Offensivspiel einhergeht, greift zu kurz, denn diese Verbesserungen im Offensivspiel beschränken sich auch auf den sehr guten Saisonbeginn und sind danach nur noch teilweise aufgeblitzt. Dárdais oft wiederholte These, dass man jetzt schönen Fußball spiele, man das nur noch mit dem Erfolg koppeln müsse, ist angesichts der zunehmenden spielerischen Totalausfälle (Leipzig Hin- und Rückspiel, Düsseldorf zweite Halbzeit, Stuttgart zweite Halbzeit, Wolfsburg erste Halbzeit Rückspiel, Mainz erste Halbzeit Rückspiel) zumindest mal in Frage stellen. Offensiv ist in den letzten Wochen zu beobachten, dass man über Konter deutlich öfter zum Erfolg kommt, als noch in den letzten Jahren. Gegen Gegner wie Gladbach, Dortmund oder Bayern ist das ein probates Mittel, speziell wenn das zentrale Mittelfeld Trio um Grujic, Maier und Duda sein Potential abruft. Wenn es gegen Mannschaften wie Wolfsburg, Mainz oder Freiburg geht, waren die Offensivbemühungen hingegen wieder reichlich Zufallsprodukt. So sprach Dárdai beim Freiburg Spiel davon, dass man durch einen Standard gewinnen wollte. Das ist natürlich schwierig, wenn hinten entweder die Abstände überhaupt nicht stimmen, und/oder man sich die Bälle selbst reinlegt. Man hat in den letzten 14 Pflichtspielen nur einmal (beim 3:0 in Gladbach) kein Gegentor kassiert.

Überhaupt fällt auf, dass man mit der 3er-Kette erst einmal zu Null gespielt hat; am ersten Spieltag gegen Nürnberg – und da haben Jarstein und das Glück ordentlich mitgeholfen. Die oft gepriesene gesteigerte taktische Variabilität ist ohnehin kritisch zu sehen. Die überzeugenden Saisonspiele wurden, aus Mangel an verfügbaren Innenverteidigern, überwiegend im 4-2-3-1 gespielt. Der Schlüsselspieler im 3-5-2, Jordan Torunarigha, konnte Verletzungsbedingt in dieser Saison nie mehr als fünf Spiele am Stück machen. Er ist durch seine Schnelligkeit, Technik und die Fähigkeit von der linken Innenverteidiger Position auf die des linken Außenverteidigers zu wechseln in diesem System fast unverzichtbar. Die Entscheidung in Leipzig Fabian Lustenberger in die 3er Kette zu berufen, anstatt auf ein 4-2-3-1 System umzubauen, erwies sich im Nachhinein als Fehler.

Es mangelt an Konstanz

Hertha, und das ist vor allem Pál Dárdais Verdienst, hat es geschafft eine beeindruckende Anzahl an jungen Spielern einzubauen. Logisch, sagt nicht nur der Trainer, dass man da mit Leistungsschwankungen rechnen müsse, dass die Spieler nur aus Fehlern lernen und dass er – bisher unerfüllt – hoffe, dass die Zeit dieser Fehler bald vorbei sei. Was bei dieser Erklärung außen vor bleibt: Die Unbeständigkeit ist nicht nur ein Problem der jungen Spieler, sondern auch der Erfahrenen. Ob Plattenhardt, Lustenberger, Ibisevic, Kalou oder die kaum noch berücksichtigten Skjelbred und Darida – konstant gute Leistungen sieht man auch bei den etablierten Spielern nicht. Das ist zum einen sicherlich dem fortgeschrittenen Alter, speziell bei Kalou und Ibisevic, geschuldet, ist zum anderen aber schlicht auch eine Qualitätsfrage. Hertha steht vor der Herausforderung, dass man neben zahlreichen talentierten jungen Spielern ein paar Routiniers hat, welche sich auf der Zielgeraden ihrer Karriere befinden. Dazwischen gibt es wenig Spieler im besten Fußballer Alter und die wenigen, die da sind, sind aktuell mehr mit sich und ihrer Situation beschäftigt, als dass sie die jungen Spieler anleiten könnten.

Was bringt die Zukunft?

Zunächst sollten Trainerteam und Spieler nicht den Fehler begehen, die Saison als beendet anzusehen. Die Erwartungshaltung der Fans ist zwar nicht so groß, wie sie gerne dargestellt wird und ohnehin war es in den letzten Wochen ausschließlich die Mannschaft, die selbst vor dem Leipzig Spiel noch von Europa gesprochen hat. Doch weitere Auftritte, wie den in Leipzig, sollte man sich nicht erlauben. Am Samstag kommt mit Düsseldorf die Überraschungsmannschaft der Saison ins Olympiastadion, mit der Hertha weitaus mehr negative Erinnerungen verbindet, als nur das 1:4 im Hinspiel. Nicht ohne Grund hat der Manager, in letzter Zeit des Öfteren nicht mit der besten Laune unterwegs, klare Zielvorgaben formuliert. Solche Total-Aussetzer wie in Düsseldorf oder Stuttgart dürfen nicht passieren und außerdem solle man doch endlich mal den Beweis antreten, dass man auch eine bessere Rück- als Hinrunde spielen kann. Nach der 0:5 Blamage in Leipzig ist beides wohl hinfällig. 14 Punkte bräuchte es aus den letzten sieben Spielen, um die 24 Punkte aus der Hinrunde zu übertreffen. Das erscheint aktuell eher unwahrscheinlich, Dárdai hat eh schon länger auf 20 Punkte als Zielvorgabe korrigiert. Die aktuelle Stagnation dürfte Preetz unterdessen in seiner Meinung bestärken, dass der neue Co-Trainer extern besetzt werden soll um so für frischen Wind im Trainerteam zu sorgen. Dárdai präferiert eine interne Lösung, mit Zecke Neuendorf, Michael Hartmann oder Ante Čović, dessen U23 der Aufstieg in die 3. Liga winkt, hat man mehrere erfolgreiche Jugendtrainer in den eigenen Reihen.

Viel Arbeit winkt Preetz darüber hinaus mit dem Kader. Die angesprochenen Probleme mit dem fehlenden „Mittelbau“ sind nur ein Baustein. Spieler wie Lazaro, Stark, Maier, Rekik, Mittelstädt, Torunarigha oder Selke wecken bei anderen Clubs Begehrlichkeiten und haben, teils kurz-, teils mittelfristig, den Anspruch europäisch, idealerweise in der Champions League, zu spielen. Immerhin winkt bei einem Abgang einer oder mehrerer der genannten Spieler eine ordentliche Ablösesumme, auch wenn diese vermutlich teilweise durch Ausstiegsklauseln gedeckelt sind. Interessant wird es dann zu sehen sein, wie Preetz, dessen Transferbilanz in den letzten Jahren trotz einiger weniger Fehlkäufe herausragend ist, mit dann deutlich mehr Budget agiert. Dennoch würde ein bisschen die Befürchtung bleiben, dass man die Spieler verkauft, bevor beide Seiten, Hertha und die Spieler, das nächste große Level erreicht haben, wie es etwa gerade in Frankfurt mit Jovic, Haller und Rebic passiert. Marko Grujic hingegen hat zwar seinen Wunsch geäußert, gerne noch mindestens ein Jahr hier zu bleiben, allerdings ist Liverpool dafür bekannt, seine Leihspieler jährlich zu transferieren und bei Grujic gäbe es reichlich Interessenten, die mit dem internationalen Wettbewerb locken können.
Auch wenn sicher nicht jedem die eventuelle Unlust so extrem anzusehen sein wird, wie es bei Mitchell Weiser in der Rückrunde der letzten Saison der Fall war; die Stimmung in der Mannschaft und die Einstellung auf dem Platz in den letzten sieben Spielen wird sicher auch ein Indiz dafür sein, bei wem die Bereitschaft vorhanden ist, den Weg bei Hertha noch ein Stück weiterzugehen.

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4 Kommentare

  1. Sehr gute und vor allem sachliche Analyse, vielen Dank! Ich war gegen den BVB im ausverkauften Olympiastadion. Ein sehr gutes Fußballspiel in toller Atmosphäre mit einer etwas unglücklichen Niederlage. Ich bin dennoch zufrieden wieder nach Würzburg gefahren. Und dann habe ich das 0:5 gegen Leipzig am Fernseher verfolgt und dachte „das ist doch eine komplett andere Mannschaft, nur Jarstein habe ich wiedererkannt“.

    Jedes Jahr folgt wieder die Hoffnung auf eine bessere nächste Saison …

    • Danke für dein Feedback! Das große Problem an dieser Saison ist halt, dass man gesehen hat, dass in der Mannschaft mehr steckt als Platz 10. Man konnte in den letzten Jahren der Mannschaft, bei aller teilweise vorhandenen spielerischen Armut, eigentlich nie den Willen, die Mentalität absprechen. Auch wenn ich kein Freund davon bin, in Dollscher Manier immer von Willen und Gier zu sprechen, aber die Spiele in Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig und noch ein paar andere miserable Halbzeiten – das ist dann einfach auch eine Einstellungsfrage, dich da teilweise so abschießen zu lassen. Dazu kommt sicherlich die Frage, ob man als Trainer da nicht mal früher drauf reagieren kann. Lazaro sprach ja nach dem Leipzig Spiel davon, dass man die Defizite früh im Spiel erkannt hat, aber man es irgendwie nicht umgestellt bekommen hat. Da hätten schon auch mal mehr Impulse von außen kommen können. Ich bin wie gesagt gespannt, wie die Reaktion von Mannschaft und Trainerteam am Samstag aussieht.

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