Hertha und der Traum vom Pokalfinale

Dass Fans bestimmter Fußballvereine besonders leidensfähig sein müssen ist wohl eine der beliebtesten Überschriften und Texteinstiege, wenn es um die wechselhafte Geschichte eines Clubs und dessen Fans geht. Ob Frankfurter, Hamburger, Kölner, Stuttgarter oder sogar die Bayern, welche dann auf ihre verlorenen Champions League Finals verweisen, sie alle bekommen das Etikett der Leidensfähigkeit. Bei Hertha hat die Form der Leidensfähigkeit noch eine andere Qualität. Würde Leidensfähigkeit von klein auf als besonders cool gelten, die Kids auf den Berliner Schulhöfen würden wohl alle mit Lustenberger-, statt mit Messi-Trikots rumlaufen. Im Gegensatz zu allen anderen genannten Clubs fehlt Hertha die goldene Zeit, der Triumph, der Generationen zusammenschweißt. Stuttgarts überraschende Meisterschaft 2007, der Pokalsieg zehn Jahre zuvor. Die goldene Zeit der Hamburger mit Uwe Seeler, später mit Horst Hrubesch, Felix Magath und co. Die Kölner Erfolge unter Weisweiler und natürlich Gacinovics 70 Meter für die Ewigkeit – Erfolge, die einen mit einem Schlag für all die Leiden, all die verlorenen Spiele bei Minusgraden, all die Pokalblamagen in Worms, Wuppertal und Kiel entschädigen. Hertha fehlt dieser Moment. Die Zeiten, in denen Hertha die Abseitsfalle erfand und mit dem revolutionären WM-System zweifacher deutscher Meister geworden ist, liegen fast 90 Jahre zurück. Die erfolgreichen Zeiten in den 70er, 90er und 2000er Jahren waren gut, aber auch immer davon geprägt, dass es nie zum großen Wurf gereicht hat. 1977 und 1979 verlor man das Pokalfinale, in den 2000er Jahren vergab man mehrmals am letzten Spieltag die Champions League, welche schon damals das Tor zu neuen Möglichkeiten bei der chronisch klammen Hertha geöffnet hätte. Und als man endlich so nah war, die Magie des Zauberers Favre auch in Berlin zu Wirken schien, vergab man am Saisonende nicht nur die Champions League, sondern auch die große Chance auf die Meisterschaft.

Der Euphorie des Frühjahres 2009, welcher die Rapper Frauenarzt und Manny Marc eine lukrative Karriere am Ballermann zu verdanken haben, folgten zwei Abstiege. Es fühlte sich an, als müsse man im Nachhinein doch noch den überteuerten Preis für etwas zahlen, was man zwar jahrelang versprochen bekam, aber im Endeffekt nie erhielt. Statt als europäischer Spitzenclub mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu fahren, fuhr man nun nach Sandhausen und Aalen. Die TV-Gelder in der Bundesliga und vor allem der Champions League schossen durch die Decke und unsere Hertha kämpfte um Existenz und Bundesligazugehörigkeit. Es wurde klar: Die Meisterschaft kommt wahrscheinlich nie wieder so nah, wie 2009. Wenn wir also diesen einen Moment für die Ewigkeit haben wollen, dann führt dieser Weg nur über den Pokal.

Der Traum vom Finale im eigenen Wohnzimmer ist bei jedem Herthaner fest verankert. Mindestens genauso fest verankert ist jedoch auch die Gewissheit, dass Hertha sich im Pokal mit schöner Regelmäßigkeit bis auf die Knochen blamiert. St. Pauli, Koblenz, Kiel, Bielefeld, Wuppertal, TeBe: Man kam sich vor wie in einer schlechten SM-Beziehung, in denen die sadistische Hertha auf besonders perfide Art immer und immer wieder den einen großen Traum zerstörte.

Seit ein paar Jahren verzichtet Hertha auf die großen Blamagen. Pál Dárdai, selbst seit 1997 Herthaner, weiß um die Bedeutung des Pokals und um die Vielzahl der Niederlagen. Er führte Hertha ins Halbfinale, wo man an übermächtigen Dortmundern scheiterte. Ein Jahr später verlor man nach großem Kampf die Revanche in Dortmund nach Elfmeterschießen. Einzig das Zweitrundenaus gegen desolate Kölner wirkte wie ein Rückfall in alte Verhaltensmuster.

Am Mittwoch, wenn der angeschlagene FC Bayern zum Achtelfinale ins Olympiastadion kommt, steht Hertha mal wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Der Verein, der in der Vergangenheit überregional meistens nur dann präsent war, wenn man mal wieder in einen Skandal verwickelt war, wird 2019 als graue Maus der Liga wahrgenommen. Die durchaus vorhandenen Entwicklungen im Spiel der Berliner sieht man nur, wenn man sich intensiver damit auseinandersetzt. Das beeindruckende Olympiastadion ist oftmals nur zu zwei Dritteln gefüllt. Und – wie schon erwähnt – kann Hertha nicht mal mit Erfolgen aus der Vergangenheit prahlen. Herthas Verankerung in der Stadt leidet nicht nur daran, dass dieser entscheidende Triumph in der jüngeren Vita fehlt, es ist auch nicht hilfreich, dass gebürtige Berliner in der Stadt mittlerweile die Minderheit darstellen. Hertha müht sich einen Teil dieser zugezogenen ins Stadion zu locken. Doch egal, ob mit überhöhtem Fokus auf social media, mit hippen Start-Up-Slogans, oder mit neuer Einlaufmusik, Hertha hat nicht verstanden, dass die zugezogenen coolen Leute aus dem Prenzlauer Berg, so sie sich denn überhaupt für Fußball interessieren, ihren Verein aus der Heimat mitbringen. Man biedert sich bei Leuten an, die nicht angebiedert werden wollen und demonstriert darüber hinaus in schöner Regelmäßigkeit, dass man jegliches Gespür für die Fans verloren hat. Das Gefühl Nestwärme auszustrahlen ist etwas, dass Hertha BSC völlig abgeht und vielleicht ist der Vorwurf der grauen Maus dann auch nicht gänzlich ungerechtfertigt.

Am Mittwoch zählt das alles nicht. Im hoffentlich ausverkauften Berliner Olympiastadion bieten sich Hertha diverse Chancen. Der FC Bayern, auch wenn natürlich nach wie vor großer Favorit, ist nicht mehr der unbezwingbare Riese, der er zu Guardiola- und Heynckes-Zeiten war. Gegen richtig gute Mannschaften reicht es für den FC Bayern 2018/19 nicht mehr. Hertha durfte das im September 2018 beweisen, als man eine Halbzeit lang besser war als die Bayern und in der zweiten Halbzeit einen 2:0 Vorsprung gegen einfallslose Münchener sicher behaupten konnte. Ein erneuter Sieg, diesmal im Pokal, würde den Traum vom Finale im eigenen Stadion weiterleben lassen. Ein Traum, den nicht nur die Fans, sondern laut Michael Preetz auch jeder Spieler in der Mannschaft entwickelt hat. Sieht man das am Mittwoch auf dem Platz, wird vielleicht auch aus der grauen Maus wieder die alte blau-weiße Dame.

 

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